HFmax – maximale Herzfrequenz richtig verstehen und nutzen
Wenn du dein Lauftraining wirklich steuern willst, kommst du an einem Wert nicht vorbei: der maximalen Herzfrequenz (HFmax). Viele kennen sie. Die wenigsten verstehen sie wirklich.
Und genau hier liegt das Problem: Wer seine HFmax falsch einschätzt, trainiert automatisch in den falschen Intensitäten – egal ob beim Joggen oder im ambitionierten Lauftraining.
Was ist die HFmax?
Die HFmax ist die höchste Herzfrequenz, die dein Herz unter maximaler Belastung erreichen kann. Das klingt banal – ist aber entscheidend. Denn diese eine Zahl legt fest, wo „locker“, „zügig“ und „hart“ für dich persönlich überhaupt beginnt. Wichtig dabei:
- Die HFmax ist individuell
- Sie ist nicht trainierbar
- Sie verändert sich nur langsam über die Jahre
Ein Beispiel macht das klar:
Zwei Läufer sind beide 40 Jahre alt. Der eine hat eine HFmax von 190, der andere von 170. Wenn beide bei 140 Puls laufen, ist das für den einen locker – für den anderen schon deutlich fordernd. Deshalb ist die HFmax keine Nebensache, sondern die Grundlage für jede sinnvolle Trainingssteuerung.
Der größte Fehler: Faustformeln
Vielleicht kennst du die Formel: 220 minus Lebensalter – Klingt einfach. Ist aber oft falsch. Und genau das ist das Problem: Diese Formel ist so verbreitet, dass viele Läufer ihr blind vertrauen – obwohl sie für die Trainingssteuerung kaum geeignet ist.
Abweichungen von 10, 15 oder sogar 20 Schlägen von dieser Faustformel sind in der gelebten Wirklichkeit keine Seltenheit. Stell dir vor, du trainierst dauerhaft 15 Schläge zu hoch oder zu niedrig – dann bist du entweder ständig zu müde oder entwickelst dich nicht weiter. Wer nach solchen Formeln trainiert, trainiert oft im falschen Bereich – ohne es zu merken.
Warum die HFmax so wichtig ist
Die HFmax ist die Grundlage für alle Trainingsbereiche.
Auf ihr basieren in der Laufcampus-Methode:
Diese Bereiche sind keine Theorie, sondern dein praktisches Werkzeug im Alltag. Wenn deine HFmax nicht stimmt, stimmen diese Bereiche nicht. Und dann passiert genau das, was viele Läufer erleben:
- „Ich laufe locker“ → ist eigentlich zu schnell
- „Ich trainiere hart“ → ist eigentlich zu locker
Das Gefährliche daran: Es fühlt sich oft richtig an. Aber dein Körper bekommt nicht den Trainingsreiz, den du eigentlich setzen willst.
HFmax und Joggen – ein typisches Missverständnis
Gerade beim Joggen ist die Unsicherheit groß. Viele laufen einfach los und orientieren sich am Gefühl. Das ist verständlich. Schließlich soll Laufen unkompliziert sein und Freude machen. Doch genau an diesem Punkt beginnt oft das Problem. Denn unser Gefühl ist ein schlechter Trainer.
Was sich locker anfühlt, ist oft gar nicht locker – sondern eher mittlere Intensität. Viele Läufer landen deshalb unbewusst im MDL-Bereich. Das fühlt sich angenehm an, man kommt gut voran, hat das Gefühl, ordentlich trainiert zu haben – und bleibt genau deshalb immer wieder in diesem Bereich hängen. Doch genau hier liegt die Falle.
Immer MDL ist
- zu schnell für echte Erholung
- zu langsam für echte Leistungsentwicklung
Man läuft also regelmäßig, investiert Zeit und Energie, setzt aber nicht immer den Reiz, den der Körper gerade bräuchte. Das ist einer der häufigsten Gründe, warum Läufer sich fragen: „Ich trainiere doch regelmäßig – warum werde ich nicht wirklich besser?"
Wer seine HFmax kennt, kann diese Grauzone verlassen. Dann wird aus „ich laufe nach Gefühl“ ein bewusst gesteuertes Training. Dann weißt du:
- wann ein Lauf wirklich locker ist
- wann du den Fettstoffwechsel schulst
- wann du zügig laufen darfst
- und wann du den Körper wirklich forderst
Genau das ist der Unterschied zwischen einfach laufen und sinnvoll trainieren.
Wie bestimmt man die HFmax?
Es gibt mehrere Wege, die maximale Herzfrequenz zu bestimmen. Manche sind präziser, manche alltagstauglicher. Entscheidend ist, dass du verstehst, was du tust – und dass du gesund bist. Denn eines gehört klar gesagt:
Ein Maximalpulstest ist anstrengend. Sehr anstrengend.
Wer seine HFmax wirklich bestimmen will, muss bereit sein, an die persönliche Belastungsgrenze zu gehen. Und genau deshalb gilt: Nur gesund testen. Wer erkältet ist, einen Infekt hat oder Zweifel an der Belastbarkeit seines Herz-Kreislauf-Systems hat, sollte keinen Selbsttest machen, sondern zuerst ärztlich abklären lassen, ob maximale Belastungen aktuell sinnvoll sind.
1. Leistungsdiagnostik (empfohlen)
Die präziseste Methode ist ein Laufband-Stufentest mit Laktatmessung. Hier steigt die Belastung kontrolliert Stufe für Stufe an, bis du wirklich ausbelastet bist. Das Tempo wird vorgegeben. Du musst dich nicht um die Einteilung kümmern, sondern nur laufen, solange es geht. Gerade das empfinden viele Läufer als überraschend angenehm – zumindest im Vergleich zum Selbsttest. Denn auf dem Laufband muss man sich nicht selbst „ziehen“, sondern nur durchhalten.
Vorteile der Leistungsdiagnostik:
- kontrollierte Belastung
- professionelle Begleitung
- zuverlässige Ausbelastung
- exakte Auswertung für die Trainingssteuerung
Viele Läufer sind nach einer Leistungsdiagnostik überrascht. Nicht selten zeigt sich, dass die tatsächliche HFmax deutlich von dem abweicht, was die Uhr, eine App oder eine Faustformel zuvor suggeriert hat.
2. LC1000 – der praktische Selbsttest
Eine sehr gute Alternative ist der LC1000-Test. Die Grundidee ist einfach:
- 1000 Meter so schnell wie möglich laufen
- auf den letzten 200 Metern maximal beschleunigen
- den höchsten gemessenen Puls ablesen
- etwa 5 Schläge hinzurechnen
Dieser Test ist in der Praxis erstaunlich brauchbar. Er ist nicht so exakt wie eine Leistungsdiagnostik, aber für viele Läufer deutlich realistischer umsetzbar. Vor allem dann, wenn sie regelmäßig auf der Bahn trainieren oder einen guten Trainingspartner haben, mit dem sie sich ausbelasten können.
Wichtig ist dabei: Nicht locker anlaufen und dann „mal schauen, was geht“, sondern wirklich an die Leistungsgrenze gehen. Sonst misst du nicht deine HFmax, sondern nur einen hohen Trainingspuls.
3. Berglauf oder Wettkampf
Auch ein harter Berglauf oder ein Schlussspurt nach einem 5- oder 10-km-Wettkampf kann Hinweise auf die HFmax liefern. Gerade im Wettkampf fällt es vielen leichter, wirklich an die Grenze zu gehen. Die Umgebung motiviert, andere ziehen mit, und ein Spurt ins Ziel mobilisiert oft mehr Reserven als ein Test allein.
Auch hier gilt: Der gemessene Höchstwert kann als guter Näherungswert dienen, oft mit einem kleinen Zuschlag von ein paar Schlägen. Die Methode ist nicht perfekt – aber deutlich besser als jede Formel.
Wichtiger Unterschied: Belastungs-EKG ist nicht Leistungsdiagnostik
Viele Läufer denken: „Ich war doch beim Kardiologen auf dem Ergometer, dann kenne ich jetzt auch meinen Trainingspuls.“ Genau das ist oft ein Irrtum.
Ein Belastungs-EKG dient in erster Linie der medizinischen Diagnostik. Es zeigt, wie dein Herz auf Belastung reagiert und ob Auffälligkeiten vorliegen. Dafür reicht es meist, die Belastung zu steigern – aber nicht bis an die sportliche Ausbelastungsgrenze.
Für die Trainingssteuerung ist das zu wenig.
Eine Leistungsdiagnostik für Läufer – ich verwende für meine Diagnostik die Bezeichnung Kardio-Laktat-Test – verfolgt ein anderes Ziel. Hier geht es nicht darum, ob dein Herz gesund ist, sondern darum, wie du trainieren solltest. Deshalb wird bei Läufern idealerweise auf dem Laufband getestet, oft mit Laktatmessung, und die Belastung so weit gesteigert, dass sich daraus Trainingsbereiche und Leistungszustand ableiten lassen. Beides hat seinen Wert – aber es ist nicht das Gleiche.
Was sich verändert – und was nicht
Die HFmax bleibt über Jahre relativ stabil.
Das ist für viele zunächst überraschend. Denn wer schneller wird, fitter wird oder mehr trainiert, erwartet oft automatisch auch einen anderen Maximalpuls. Genau das passiert aber meistens nicht. Die HFmax ist weitgehend genetisch bestimmt und lässt sich durch Training kaum beeinflussen. Sie kann sich im Laufe der Jahre verändern – aber eher langsam und nicht sprunghaft.
Mit zunehmendem Alter, nach allgemeinen Beobachtungen ab dem 40. Lebensjahr, sinkt sie im Schnitt um etwa 0,5 bis 1 Schlag pro Jahr.
Das geschieht schleichend. Deshalb fällt es im Alltag kaum auf. Ein Läufer merkt oft nicht, dass seine HFmax über zehn Jahre niedriger geworden ist. Er merkt nur, dass sich das Training anders anfühlt oder dass die alten Bereiche irgendwann nicht mehr ganz passen.
Was sich dagegen deutlich schneller verändern kann, ist etwas anderes: deine Leistungsfähigkeit
Das bedeutet konkret: Bei gutem Training läufst bei gleicher Herzfrequenz schneller. Oder anders gesagt: Dein Körper wird effizienter. Er kann bei gleichem Puls mehr leisten. Genau das ist der eigentliche Trainingserfolg. Nicht der Puls ist besser geworden – sondern du. Ohne gezieltes Training tritt natürlich das Gegenteil ein: Der Puls bleibt stabil, die Leistung lässt nach.
Der wichtigste Zusammenhang: Puls vs. Pace
Ein häufiger Denkfehler lautet: „Ich bin schneller geworden, also muss ich jetzt auch mit höherem Puls trainieren.“ Das klingt logisch, ist aber falsch. Richtig ist: Du wirst schneller bei gleicher Herzfrequenz.
Und genau darin liegt der große Wert einer pulsorientierten Trainingssteuerung. Die Herzfrequenzbereiche bleiben über längere Zeit relativ stabil. Die Pace dagegen entwickelt sich – je nach Trainingszustand, Tagesform, Jahreszeit, Streckenprofil und Wettkampfergebnissen.
Deshalb gilt:
- Die HFmax ist die Basis für die Pulssteuerung
- die Pace entwickelt sich mit deiner Form
- die Potenzialanalyse hilft dir, dein aktuelles Tempopotenzial einzuordnen
Das ist auch der Grund, warum zwei Läufe bei gleichem Puls völlig unterschiedlich schnell sein können. An guten Tagen läuft ein LDL plötzlich fast wie ein MDL. An schwächeren Tagen fühlt sich derselbe Puls deutlich langsamer an. Und beides ist in Ordnung. Der Körper kennt keine Minuten pro Kilometer. Aber er kennt Belastung.
Typische Fehler im Training
Viele Läufer machen immer wieder die gleichen Fehler. Nicht aus Dummheit oder Nachlässigkeit, sondern weil ihnen die richtige Grundlage fehlt. Typisch sind zum Beispiel:
- Training nach Gefühl statt nach Puls
- eine falsch bestimmte HFmax als Ausgangswert
- zu viele Einheiten im gleichen Intensitätsbereich
- die Verwechslung von „angenehm“ mit „richtig“
Besonders häufig ist das bei Läufern, die immer ungefähr gleich laufen. Nicht locker, nicht hart – sondern irgendwo dazwischen. Das fühlt sich ordentlich an, bringt aber auf Dauer oft weniger, als man hofft. Oft steckt dahinter kein mangelnder Wille – sondern fehlende Orientierung. Das Ergebnis:
👉 keine klare Entwicklung
👉 stagnierende Leistungen
👉 unnötige Frustration
Und genau deshalb ist die HFmax so wichtig. Sie schafft Orientierung. Sie macht aus einem diffusen Gefühl ein klares System.
Das Wichtigste zur HFmax auf einen Blick
- Die HFmax ist individuell und nicht berechenbar.
- Faustformeln sind für die Trainingssteuerung zu ungenau.
- Sie ist die Grundlage für alle Herzfrequenzbereiche der Laufcampus-Methode.
- Sie verändert sich nur langsam über die Jahre.
- Deine Leistung verbessert sich – nicht deine HFmax.
- Wer seine HFmax kennt, kann sein Training deutlich präziser steuern.
Die HFmax zusammenfassend betrachtet
Die HFmax ist keine Zauberzahl. Sie macht dich nicht schneller und sie ersetzt auch kein kluges Training. Aber sie ist die Grundlage dafür, klug zu trainieren. Wer seine maximale Herzfrequenz kennt, versteht die eigenen Belastungsbereiche besser. Wer sie sauber bestimmt, trainiert präziser. Und wer seine Einheiten danach steuert, wird mit der Zeit nicht nur fitter, sondern auch sicherer im Umgang mit Tempo und Belastung.
Gerade beim Joggen und im ambitionierten Lauftraining ist das ein enormer Unterschied. Denn oft scheitert Training nicht an fehlender Motivation – sondern daran, dass Läufer im falschen Bereich unterwegs sind. Und genau deshalb lohnt es sich, die HFmax einmal sauber zu bestimmen – und sie dann konsequent als das zu nutzen, was sie ist:
die Grundlage deiner Trainingssteuerung.
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Über mich & Mehr Andreas
Ich bin Andreas Butz, Lauftrainer, Buchautor und Entwickler der Laufcampus-Methode. 2001 habe ich Laufcampus gegründet und begleite seither Läufer auf ihrem Weg zu neuen Bestleistungen – vom Einsteiger bis zum ambitionierten Marathonläufer.
Über 200 Marathons auf verschiedenen Kontinenten haben mir gezeigt: Entscheidend ist nicht, wie hart du trainierst, sondern wie klug.
Mehr über meine Arbeit und die Laufcampus-Methode:
Andreas Butz – Laufexperte
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